Als einfach wegzugehen

Es war Festivalität in der Stadt. Er stand für sich mit seinem Essen, dass er sich von einem Stand geholt hatte und schaute genießerisch in die Menge. Die Sonne schien und all die Leute gingen glücklich und unbeschwert durch die Passagen die sich vor ihm öffneten. Er war in Gedanken versunken und plötzlich erstarrte er und ließ seinen Blick leicht zu seiner linken Seite wenden. Obwohl alles um ihn herum frei war, stand plötzlich eine Dame direkt neben seiner linken Seite. Eigentlich viel zu nah, im Bezug auf den Anstand. Sie hatte längere braune Haare, eine Sonnenbrille, leicht gebräunten Taint und war mit einem Batik-Rock und recht coolen Klamotten gekleidet. Das lässige Outfit war komplettiert durch Armschmuck und niedere Schuhe. Könnte Sie es sein? Unvermittelt kam es in ihm hoch. Wie sollte er nun reagieren? Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen und nun sollte der Zufall sie hier tatsächlich zusammengebracht haben? Wieso sagte sie nichts – wollte sie ihn wieder prüfen, wie er reagiert und was er tut um die Interaktion mit ihr aufzunehmen? Seine Gedanken ratterten. Was war da zu tun? Er konnte sie nicht ansprechen, denn durch die Sonnenbrille und das Outfit sah sie ihr zwar sehr ähnlich, aber es war so unsicher, dass er dachte er könne sich blamieren. Er nahm ihre Aura wahr. Dieses feminine und sanfte Ausstrahlung die so trügerisch sein konnte, denn hinter Zigarettenrauch und klaren Worten hatte er schon die sinnhafte Unnachgiebigkeit zu spüren bekommen. Gleichzeitig sah er sich und diese Frau wie sie vor ihm stand, außerhalb wie durch eine dritte Person, wie sie beide da standen, beinahe gleich groß. Irgendwie kompatibel und irgendwie auch ähnlich, aber doch so anders und er fühlte sich plötzlich minderwertig, doch er kräftigte sich kurz darauf so mit gutem Zureden, dass es nicht schlimm sei anders zu sein und wenn sie die richtigen Worte hörte würde sie ihn auch verstehen, Er ging mit seinem Essen schweren Herzens etwas zur Seite, so dass er in eine andere Richtung schaute. Als er sich nach ca. 30 Sekunden umschaute sah er wie die Frau gerade in Richtung einer bestimmten Passage ging. Er grämte sich und aß weiter. Er aß sein Essen weiter und dachte nach. Wenn sie ihn nun testen wollte? Vielleicht wollte sie ihn auf die Probe stellen, ob er ihr treu genug wäre ihr nachzufolgen. Vielleicht war dies ja alles ein Test. Vielleicht war die schweigsame Situation ein Übereinkommen und es war Absicht, dass nichts gesprochen wurde. Vielleicht wollte sie ihm diesmal eine Chance geben, ohne alle Kompatibilität und ohne Sprache zusammenzukommen, einfach so. Er schluckt die wirren Gedanken runter. Aber jetzt einfach weggehen? Nachher wird er denken, was hätte ich machen sollen? Einfach gehen war doch das letzte Mal auch die falsche Entscheidung. Dieses mal soll es anders sein. Er ging ein paar Schritte über den Platz der vor ihm war und stellte sich auf die andere Seite hinter einen der Stände. Es war eine gute Idee gewesen, in der Situation zu bleiben. Von dieser Seite hatte er einen größeren Ausblick und er sah wie die Frau angelehnt auf einem der Gehweg-Zurrbänder saß, welche den Gehweg von der Straße trennten. Sie war die Passage nicht weiter gegangen wie er zuerste gedacht hatte. Sie saß einfach da und rauchte auch nicht, sondern schien gedankenverloren in die Passage hineinzublicken. Er konnte nur ihre braunen Haare sehen und die Sonnenbrille die am Rand hervorlukte. Sie schien es wirklich zu sein. Es war ja ihre Statur. Er war angespannt und fühlte sich dennoch wehrlos und feige. Es war trotzdem besser gewesen zu warten. Er fühlte einen leichten Triumph. In diesem Moment schien es ihm, wie wenn man in diesen speziellen reflektierenden blauen Himmel starrt, in welchem nur diese kleinen weißen Wölkchen zu sehen sind: dieser klare blaue Himmel, der die Atlas-Größe der geilsten Welt offenbart. Es fühlte sich so an, als wären sie beide im Austausch miteinander. Er bildete sich ein, dass sie beide kommunizierten und er war für sicher 30 Sekunden in der Überlegung gewesen, zu ihr rüberzugehen. Es fühlte sich so an, als wollte sie ihm absichtlich den Rücken kehren um… plötzlich stand die Frau auf, vor ihr erschien ein recht großer und leicht dicklicher Mann mit etwas ungepflegten aber schicken Haaren, die zu einem Zopf zusammengebunden waren und einer Sonnenbrille die er auf die Haare gesteckt hatte. Es war einer dieser Rockertypen, sah etwa so aus wie Roky Erickson von den 13th floor elevators in seiner Opa-Zeit vom Kleidungsstil, aber doch sehr trainiert. Das heißt: die beiden waren ein etwas komisches Paar. Sie die alternative (noch fast jugendlich/rebellische) Mit-Dreißigerin und er: offensichtlich schon in einem eher betagten Alter und von viel größerer Statur, aber irgendwie passte es auch: beide hatten einen ähnlichen Stil. Nicht klar einzuschätzen, ob es eher ein Zuhälter-Typ oder ein cooler Rocker-Typ war. Aber er sah irgendwie tolerierbar aus. Die beiden mussten wohl ein Paar sein, denn sie erkannte ihn und streckte ihm ihre beiden Hände entgegen. Nach kurzem Plausch nahm er sie sanft bei der Hand und die beiden kamen in seine Richtung. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen, als er mit dem Blick nach unten die letzten Reste seines indischen Gerichts gegessen hat, während die beiden direkt an ihm vorbeigingen. Die Frau muss sich gewundert haben, warum er nicht mehr an dem selben Platz weitergegessen hatte wie vorher, sondern nun direkt in ihre Richtung blickte. Er stand noch eine Weile so rum, nachdem die beiden vorbeigegangen waren. Dann warf er den leeren Plastikteller weg, zuckte die Schultern und dachte: es war trotzdem besser, als einfach wegzugehen.

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