Das Heilige und die Gewalt

Macht als Problem

Was heißt es von einem Heiligen besessen zu sein? Die Sichtbarmachung des Heiligen ist die Gewalt. Das Heilige ist eine Idee des Menschen – eine Vision nach der er hinstrebt. Der Mensch verlangt wie ein Süchtiger nach der Symbiose mit dieser Idee des Heiligen. Das Heilige hier gemeint als ein Gegenstück zu einer Ohnmacht (Schuld/Sünde); das Heilige als eine Erlösung und eine Sonne, deren Licht in der Ferne verlockend durch Nebel hervorbricht.

Der Mensch welcher der Ohnmacht nicht angesichtig geworden ist, ist im Frieden und in der Stille beheimatet und ihn drängt es nach nichts, denn er ist Eins mit dem Seinsgrund. Was heißt eine Ohnmacht? Eine Schuld/Sünde, ein Schmerz der uns auf den Körper zurückwirft, der uns vor Augen führt wie wenig wir uns in Sicherheit und Koheränz befindet. Es ist eine Unterbrechung der Koheränz, Sinnhaftigkeit und ein Begreifen der Wahrheit auf eine schmerzhafte Weise. Unordnung und Chaos auf einer zerstörerischen Ebene auf die wir zurückgeworfen werden aus einer Sinnhaftigkeit oder aus einem sanften Gefühl der Zugehörigkeit. Der Schmerz des Körpers (auch die psychosomatischen Auswirkungen auf den Körper durch psychische Mechanismen).

Wie geht es vonstatten wenn wir auf den Körper zurückgeworfen werden? Wir müssen uns davon abspalten und uns an einen Platz hinflüchten und sehnen, an welchem eine Ordnung und Sinnhaftigkeit versprochen wird. Wir phantasieren es uns selbst, wie es sein könnte/sollte. So erzeugt der Schmerz und die Ohnmacht die Energie, so wie die Kälte der Natur im Winter den Menschen in Bewegung versetzt damit er nicht erfriert. Auf diese Weise werden wir dazu gedrängt uns in Bewegung zu versetzen, uns zu bewaffenen um der Ohnmacht Einhalt zu gebieten. Während die Bewegung in der Kälte tatsächlich gesund für den Menschen ist, so ist das Besessen sein von der fixen Idee eines Heiligen aber nicht unbedingt gesund, denn es fragmentiert uns – die Bewegung des Körpers in der Kälte hingegen integriert unseren Körper zu einem gemeinsamen Ziel hin auf eine ganzwerdende und gesundheitsfördernde Weise. Vielleicht ist das auch ein etwas unsinniges Beispiel.

Wegkreuzung:

  • der eine Weg führt in das Besessen werden von der Idee eines Heiligen
  • der andere Weg führt zur Vernunft und Rückbesinnung, deren Überlegungen die Ohnmacht integrieren konnten (das geht dann gut, wenn der Schmerz nicht zu gewaltig ist). Man könnte sagen, jeder Mensch hat eine Grenze wo es zu extrem wird.

Wenn der Mensch dem Heiligen der Massen nachfolgt oder selbst ein individuelles Heiliges für sich entwirft, wird er von diesen Kräften herumgewirbelt und ist daraufhin ein Ausführender einer höheren Gewalt, derer er sich anheimgibt. Die Triebfeder ist hier auch die Angst vor der Ohnmacht. Es ist hier nicht das Heilige gemeint dass uns intrinsisch erfüllt; wie das Gefühl der Liebe zu uns oder den Menschen. Das Heilige von dem hier gesprochen wird ist eine Idee eines Erlösers der eine Ohnmacht bekämpft und besiegen soll.

Durch den Blick dieses Heiligen, betrachten wir (panoptisch) und vorurteilsvoll die Ohnmacht als ein Werkstück an dem gearbeitet wird um es zu bezwingen. Dieses Werkstück ist die Schuld/Sünde in uns selbst oder den anderen Menschen. Was sind die Zweckmäßigkeiten? Das kommt auf den jeweiligen Menschen oder Akteuer des Heiligen an. Beispielsweise: Rache, Befriedigung von Hunger/Sexualität, Schaffung von Sittlichkeit/Kultur, Gemeinwohl, Ungehorsam, Gewaltprävention. Die Gründe die uns dazu führen uns einem solchen heiligen Konzept / einem Dogma anzuvertrauen sind vielfältig. Bei der Mafia wäre es die Ehre deren Verletzung bekanntermaßen hart bestraft wird. Der Staat schafft auch ein Heiliges welches er uns nahelegt, beispielsweise die Sünde/Ohnmacht der Arbeitslosigkeit – so beschwört er das Heilige der Arbeit als Erlösung von der gesellschaftlichen Ächtung.

Wie kann nun der vom Heiligen besessene Akteur das Werkstück der Ohnmacht nach seinem Sinnen formen? Das Heilige ist die unsichtbare Gewalt. Somit muss er das Heilige in der Welt realisieren/sichtbarmachen.

Aber um Gewalt zu wirken braucht man Macht. Die Macht ermöglicht erst die Realisierung der Gewalt und ist das Mittel oder der Transformator der das Heilige in die Wirklichkeit realisiert. Die Arbeit hat Macht über unsere Lebenszeit, die Verführung hat Macht über den Augenblick. Es gibt viele Arten von Mächten. Das Heilige als abstraktes Konzept hat angesichts der Ohnmacht ein Machtversprechen für uns, welches uns dazu bringt unsere Energie für die Realisierung des Heiligen einzusetzen. Es ist ein Räderwerk dass in Bewegung gesetzt wird. So ist die reale Macht einer Idee oder Religion, beispielsweise die Macht einer dogmatischen Buchreligion wie des Islam ein in die Welt hinein aufgebautes Heilsversprechen, dass akkumuliert über die Zeit an „Gewicht“ gewonnen hat.

Die Macht in ihrer Vereinigung mit der potentiellen Gewalt tritt dergestalt in zwei Formen auf:

  • Mythische Gewalt des Heiligen: die jugendliche, ursprüngliche Form; Jehova der im Dornenbusch erscheint. Die Offenbarung, Inspiration und der Sexus, Eros. die unerklärliche Macht eines größeren Etwas dass wir nicht klar erkennen und verstehen können, dass aber gezeigt hat dass es über uns bestimmt ohne dass wir es verstehen können. Es fordert Opfer, empfängt aber in diesem Sinn keine denn es ist erfüllt von Extase und blind. Seine Äußerung durch die Gewalt ist dionysisch.
  • Göttliche Gewalt des Heiligen: das maturierte Heilige, welches sich dem Menschen gegenüber rechtfertigt und erklärt. Fordert keine Opfer, aber empfängt Opfer und erwartet diese in geregelten Bahnen. Diese ordnungsschaffende und sich selbst rechtfertigende Gewalt ist apollinisch

Wenn das Heilige seine Zweckmäßigkeiten fokkusiert und in sich selbst oder den Menschen sozusagen unter die Leute bringt, werden die Gewaltmittel gewählt die das Werkstück dem Heiligen (Zweck) zurecht formen sollen.

  • Für die Mythische Gewalt sind es die unmittelbaren Gewaltmittel. Es ist das Naturrecht; der Zweck heiligt die Mittel. Die lozierende, kaptive, autotelische, deprivierende, überwachende, absurde Gewalt. Auch Lachen, Schweigen und der Böse Blick äußern sich hier. Beispiel: Befohlene Opferung Isaaks durch Abraham
  • Die Göttliche Gewalt rechtfertigt sich: die Gerechtigkeit ihrer eigenen Zwecke ist nach den Mitteln zu hinterfragen und die Strahlkraft der Göttlichen Gewalt wird durch ihre Rechtmäßigkeit verstärkt. Es ist mittelbare Gewalt, also Gewalt um des Lebendigen willen. Beispiel: Hephaistos, der von den Göttern überzeugt wurde Prometheus zu bestrafen.

Das Heilige solcherlei bewaffnet zielt nun zurück auf den Ursprung aus welchem es sich einst hervorgebildet hat. Auf das Subjekt, also den individuellen sündhaften/leidenden und ohnmächtigen Menschen oder eben dasjenige dass dem Heiligen zu liebe verformt werden soll (auch die technologische Verstellung der Welt). Es ist solcherlei der Wirkraum der real stattfindenden Opferung: „Die Überwachungsgesellschaft“, „Das Lager“, „Dämonisierte Zukunft und Technik“. Dieser Wirkraum ist imprägniert von dem Heiligen und das Heilige strebt danach, ihn auf eine solche Weise zu durchdringen dass der Mensch in dieser Höhle nur die Bilder sieht, die das Heilige an die Wand projeziert.

Wir sehen, dass in diesem Wirkraum eine Wiedererstellung dessen stattfindet was im Ursprung vorhanden war.

  • Wir sehen, wie die dionysische Gewalt des mythischen Heiligen den Menschen als „bloßes Leben“ behandelt und die furchtbaren Arten der oben genannten unmittelbaren Gewaltmittel auf den Menschen anwendet. Angst, Lust, Schmerz auf exzessive Weise. Absurde Verträge die der „Souverän“ anwendet. Die Wirkung ist das Erzeugen des Opfers um selbst Ordnung zu erfahren. Das Heilige äußert sich hier so indem die ursprüngliche Ohnmacht nach außen projeziert und realisiert wird um sie selbst nicht mehr als Ohnmächtig/Opfer spüren zu müssen (das gilt für die Akteure die durch diese Art des Heiligen handeln). Es handelt sich um ein Gleichmachen im dionysischen Rausch.
  • Die apollinische Gewalt des göttlichen Heiligen stellt Gesetze auf, nach denen die Menschen zu leben haben. Diese Gesetze sollen sicherstellen, dass das Heilige nicht verletzt wird – also: dass die ursprüngliche Schuld/Sünde verschwindet indem man sie sozusagen verbietet oder einhegt. Es ist nicht unbedingt eins mit der Vernunft, denn die hier geschaffenen Gesetze werden tendenziell dogmatisch gerechtfertigt. Es ist die Sprache und Geschichte die hier geschaffen wird. Tendenziell ist diese Gewalt und Form der Verträge in der Lage durch das Schaffen einer gemeinsamen Sprache (Verträge) die Möglichkeit der Kommunikation anzulegen, die Gewalt als solches hinterfragen kann (Die Möglichkeit zur Kommunikation und Sprache ist ein Kind dieser Gewalt und untersteht ihr nicht vollständig). Die apollinische Gewalt ist in ihrer höchsten Form das „Sacrum Facere“. Das Werkstück der Ohnmacht wird den apollinischen Gott selbst abbilden um den höchsten Wünschen und Zielen der Götter gerecht zu werden. Denn wenn sie (die Götter) die Höchsten sind (der „wahre Erlöser“), der die Menschen in der ultima ratio auch von den bösen Seiten des Heiligen (dem Heiligen selbst als Fragmentierung) und den Zwanghaftigkeiten; (dem Umgang mit der Ohnmacht durch Gewalt) erlösen können/wollen, so werden sie (die Götter) nicht davor zurückschrecken auch sich selbst als Opfer zu geben in einer Gegenbewegung der Gewalt zum Schutze des Lebens vor Ohnmacht.

Was bleibt im Wirkraum nach der Gewalt?

  • Der Homo Sacer, der geopferte Mensch der ein Opfer der Gewalt war, die wiederum in späteren Zyklen zu einer obigen Ohnmacht wird. So seien die Kinder (Kriegswaise) erfüllt von den psychosomatischen Voraussetzungen für Rache, wenn sie kein anderes kennenlernen konnten, oder die Koheränz durch Lügen (absurde Verträge) gestört wurde.
  • Der Homo Liber, der von Verträgen geschützte Mensch. Der Vertrag ist das verfestigte Heilige dass ihm einen dauerhaften Schutz vor Gewalt gibt, wenn er die Regeln einhält. Diese Regeln haben das Ziel die Ohnmacht auf eine Weise einzuhegen dass Leben gewährleistet wird und die Macht der Götter sozusagen bestätigt wird.

Was ist die Macht?

Die Macht ist immer etwas dass uns in unserer Freiheit bedrohen wird. Sie sanktioniert und gratifiziert und gefährdet somit immer potentiell uns als Subjekt, unser Individuationsprinzip. Und wenn die Macht uns erhebt so immer auf den Schwingen eines Heiligen, außer sie sei körperlich gegeben und nicht künstlich hervorgebracht für ein Heiliges. Was ist Carmen? die Beschwörung des Heiligen, so ist Verführung eine Möglichkeit einen Menschen sein Heiliges zu beschwören, so dass er sich damit auseinandersetzt und dieses Heiliges ist dann der Anker der Carmen (Verführerin), den sie über ihre Macht (der Schönheit, Verführung, Gratifikationsmöglichkeit,…) im Wesen des Verführten angebracht hat. Dieser Anker hat aber eigentlich nichts mehr mit Carmen zu tun sondern es war bereits als Potential im Verführten angelegt.

Das Heilige unterteilt die Welt mit einem vorurteilsvollen Blick. Wenn das Heilige die Welt fragmentiert betrachtet, um die Schuld/Sünde verorten zu können, so ist dies ein pathologisierender Blick der immer grundsätzlich hinterfragt werden sollte. Denn auch mit dem Ziel oder Zweck der Heilung ist es koheränzstörend die Wahrheit für einen Zweck zu verfälschen (wir kennen dies als Magick im Okkultismus – Veränderung der Wirklichkeit im Bezug auf einen Willen, wobei dieser Wille hier die Umsetzung der Idee eines Heiligen ist). Die Opfer sind die Hure, der Märtyrer, Held, Frevler. Alles wird untere dem Verfehlen oder Einhalten der Dogmen des Heiligen betrachtet. Es ist ein Fokus auf Erfüllung einer auf Angst basierenden Sichtweise. Man kann es nicht verdenken denn Schmerz macht blind. Aber Gewalt gebiert Schmerz.

Bestenfalls schaffen wir es aus dem Heiligen auszusteigen, indem wir uns auf eine gesamtheitliche Sicht fokkusieren, die den Menschen mit seinen Fehlern in den Fokus rückt und wenn die Schmerzen und die Ohnmacht nicht so groß sind, dass scheinbar keine andere Möglicheit bleibt, sollten wir uns immer auf Vernunft besinnen bevor wir uns in Stürme und Kriege begeben oder falschen Heilsversprechen angesichts einer höheren Macht folgen, denn es geht an die Substanz. Die Substanz sitzt im Körper.

Salutogenese statt Pathogenese. Integration statt Fragmentation. Vertrauen statt Angst.
Aber auch: keine Fakeness, Wille zur Wahrheit und dergestalt karmisches Rückverständnis

Es würde mich interessieren was der Leser über solche Zusammenhänge denkt. Können wir ohne ein Heiliges auskommen, wenn es doch immer auch Gewalt mit sich bringt? Was ist aber mit Verleugnungen der apollinischen Gewalt, die den Menschen beispielsweise einzuhegen vermag und so ein Schleier über die Wahrheit der Welt legt. Wir haben sicherlich noch nicht den „perfekten Vertrag“ von dem Immanuel Kant spricht, der sozusagen die beste Lösung für die meiste Zahl der Menschen sei. Ist dies auch das beste? Das Leben ist ein stetiges auf und ab zwischen verschiedenen Mächten und während wir einerseits die hohen Berge und tiefen Täler fürchten, so vergessen wir auch wer wir wirklich sind, wenn wir eine Zeit lang nur auf gerader Linie unterwegs sind. Ist unser wahres Selbst und Sein wie eine langweilige Bootsfahrt auf einem seichten Gewässer (wenn wir von keiner Ohnmacht bedroht werden)? Die natürliche Energie und Substanz in uns, welche uns Freude haben lässt an der Wildwasserfahrt und den Extremen – diese Freude hat nichts mit der obigen Ohnmacht zu tun – denn wenn wir in den Extremen sicher unterwegs sind, dann sind wir ja Eins mit unserem Seinsgrund. Der Schmerz erzeugt Angst und schmerzhafte Extreme, die über unsere Grenzen hinausgehen (die wir zu diesem Zeitpunkt verkraften können). Die Angst ist hier nicht als Illusion zu verstehen und auch die Ohnmacht nicht; den in diesem Leben ist Schmerz eine Realität. Aber der Schmerz allein macht die Menschen nicht zu Gewalttätern.

Dieser Text ist inspiriert von dem Buch „Die Gewalt des Heiligen: Legitimation souveräner Macht“ von Claudia Simone Dorchain. Ich finde es sehr wichtig diese Zusammenhänge zu verstehen, da ich sie für eine grundsätzliche Abbiegung halte, die wir Menschen mit Hilfe der Philosophie von einer höheren Warte aus betrachten und durchschauen können, so dass wir nicht in gnostische Heilslehren verfallen, sondern einen integrativen Blick und wahres Verständnis erfahren können.

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